Echter Mehrwert statt Nostalgie: Die gefährliche Verwechslung unserer Zeit
- Anja Witter

- vor 17 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Im ersten Artikel der Reihe Politik vs. Realität Internationale Expansion ohne Fundament ging es darum, dass Unternehmen – wie Staaten – Probleme nicht lösen, indem sie sie geografisch verlagern. Wer im Kern nicht stabil ist, trägt Instabilität nur in neue Märkte.
Heute geht es um etwas Grundlegenderes:
Wer erzeugt wirklich echten Mehrwert – für Menschen, Märkte und die Gesellschaft?
Und warum klaffen Anspruch und Realität immer weiter auseinander?

Inhalt
Die Debatte, die eigentlich keine ist
„Wir brauchen wieder mehr Leistungsgesellschaft.“
„Wir brauchen weniger Druck und mehr Freizeit.“
Diese Gegenüberstellung dominiert politische Diskussionen und wirtschaftliche Strategien. Sie wirkt wie eine Richtungsentscheidung – ist aber in Wahrheit eine Ausweichbewegung.
Denn sie behandelt Symptome.
Nicht den Kern.
Die eigentliche Frage lautet:
Was ist heute überhaupt echter Mehrwert – und unter welchen Bedingungen kann er entstehen?
Das ist keine ideologische Frage.
Es ist eine strukturelle.
Deutschland und Spanien: Zwei Systeme, unterschiedliche Ausgangspunkte
In Wirtschaftsgesprächen hört man häufig: Deutschland hätte einfach so weitermachen müssen wie früher – dann wäre heute alles noch stabil.
Hier stellt sich die interessante Frage:
Stützen wir uns strukturell noch auf Erfolge, die unter gänzlich anderen globalen Gegebenheiten erzielt wurden?
Deutschland startete nach 1945 aus der Zerstörung – mit klarer industrieller Ausrichtung. Es folgten das Wirtschaftswunder (ca. 1948–1966), der Vereinigungsboom (ca. 1990–1992) und das exportgetriebene Wachstum der 2000er Jahre (insbesondere 2006–2008).
Strukturen altern – Rahmenbedingungen verändern sich.
Und Spanien?
Mit dem Milagro Económico (1959–1973) begann eine Phase dynamischer Aufholentwicklung. Der EU-Beitritt 1986 leitete eine weitere expansive Phase ein, die in den Jahren vor 2008 ihren Höhepunkt erreichte. Wachstum bedeutete hier vor allem: Aufholen.
Beide Modelle funktionierten – unter den damaligen Bedingungen.
Heute kämpfen Deutschland und Spanien weniger mit fehlendem Potenzial – sondern mit strukturellen Spannungen zwischen Anspruch und Realität.
Deutschland eher mit Systemträgheit und regulatorischer Überkomplexität.
Spanien eher mit politischer Fragmentierung und strategischer Inkonsistenz.
Wirtschaftliche Stärke ist kein Besitzstand – sie ist das Ergebnis von Anpassungsfähigkeit.
Leistung ohne Wirkung ist kein echter Mehrwert
In klassischen betriebswirtschaftlichen Modellen wird Mehrwert gemessen an:
Wachstum
Produktivität
Effizienz
KPI-Erfüllung
Das Problem entsteht dort, wo Leistung vom realen Nutzen entkoppelt wird.
Beschäftigung ohne Sinn erzeugt innere Kündigung.
Wachstum ohne erkennbaren Nutzen erzeugt Akzeptanzverlust.
Effizienz ohne Kundennähe erzeugt Austauschbarkeit.
So entstehen Organisationen, die funktionieren – aber nicht wirken.
Aus Sicht des Business Developments ist genau hier der kritische Punkt:
Skalierung verstärkt nicht nur Wert – sie verstärkt auch Fehlannahmen.
Staat und Unternehmen – unterschiedliche Rollen, gleiche Falle
Staaten messen Erfolg an:
BIP
Beschäftigungsquote
Haushaltsdisziplin
Unternehmen messen Erfolg an:
Umsatz
Marktanteil
Wachstum
Beide laufen Gefahr, Kennzahlen mit Wirkung zu verwechseln.
Was dabei verloren gehen kann:
soziale Stabilität
Resilienz
langfristige Belastbarkeit
Die Entkopplung geschieht nicht laut.
Sie geschieht schleichend.
Oft scheitert Umsetzung an:
realitätsferner Führung
falschen Anreizsystemen
fehlender operativer Übersetzung
Rahmenbedingungen, die Umsetzung verhindern.
Was nicht wirkt, trägt kein System.
Dauerhafte Stabilität entsteht nur dort, wo reale Probleme gelöst werden.
Verbraucher sind Teil des Systems
Wohlstand verändert Erwartungen.
Verfügbarkeit rund um die Uhr
niedrige Preise
sofortige Lieferung
gleichzeitig hohe Ansprüche an Sinn, Flexibilität und Work-Life-Balance.
Das ist keine moralische Bewertung.
Es ist eine Systembeschreibung.
Mehrwert entsteht nicht isoliert.
Er entsteht im Zusammenspiel von Politik, Unternehmen und Konsumenten.
Wer erzeugt wirklich echten Mehrwert?
Wenn man Titel, Status und Marktwert ausblendet, bleibt eine nüchterne Beobachtung:
Mehrwert entsteht dort, wo das Leben anderer stabiler, einfacher oder besser funktioniert.
Zum Beispiel durch:
Funktionierende Infrastruktur.
Stabile Lieferketten.
Bildung und Qualifikation.
Vertrauen, Orientierung, Verlässlichkeit.
Nicht alles davon ist glamourös. Nicht alles davon ist hochprofitabel.
Aber ohne diese Beiträge funktionieren weder Märkte noch Staaten.
Marktwert ist nicht gleich Mehrwert.
Diese Verwechslung ist einer der teuersten strategischen Fehler unserer Zeit.
Führung als Selbstreferenzsystem
Ein wiederkehrendes Muster:
Je weiter Führung von operativer Realität entfernt ist, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, die eigene Position mit Mehrwert zu verwechseln.
Selbstwahrnehmung speist sich dann aus:
Sichtbarkeit.
Entscheidungsmacht.
Inszenierung.
Zustimmung aus homogenen Netzwerken.
Kritik wird gefiltert.
Realität wird delegiert.
Doch Wertschöpfung entsteht dort, wo:
Mitarbeiter arbeiten.
Kunden interagieren.
Systeme tatsächlich funktionieren.
Führung ist nicht der Mehrwert - sie ist im Idealfall dessen Verstärker.
Wenn Führung glaubt, selbst der Kern der Wertschöpfung zu sein, beginnt die Erosion.
Rahmenbedingungen entscheiden über Wirkung
Wirtschaft lebt von Unternehmen, die wirtschaften können.
Unternehmen brauchen Mitarbeiter.
Mitarbeiter brauchen Perspektive und Orientierung.
Wenn operative Tätigkeiten durch übermäßige Bürokratie, hohe Steuerlasten oder strukturelle Unsicherheit ausgebremst werden, leiden nicht nur die Unternehmen, sondern langfristig das gesamte System.
Das gilt für Deutschland wie für Spanien.
Lösungen entstehen nicht durch Rhetorik – sie entstehen durch umsetzbare Rahmenbedingungen.
Business Development unter realen Bedingungen
Im operativen B2B Business Development zeigt sich diese Lücke besonders deutlich.
Gute Strategien scheitern selten an Ideen.
Sie scheitern an Struktur.
An regulatorischen Hürden.
An kulturellen Missverständnissen.
An falschen Annahmen über Marktlogiken.
An mangelnder Umsetzungsfähigkeit.
Relevant ist daher nicht:
Was können wir verkaufen?
Sondern:
Welches reale Problem lösen wir – unter den gegebenen Bedingungen und was brauchen wir, damit diese Lösung tragfähig wird?
Business Development bedeutet unter diesen Voraussetzungen nicht Expansion um jeden Preis. Es bedeutet Wirksamkeit unter realen Rahmenbedingungen.
Schlussgedanke
Die Debatte über Leistung oder Freizeit greift zu kurz.
Im Kern geht es um etwas anderes:
Anpassung oder Selbstberuhigung.
Wirksamkeit oder Leerlauf.
Nicht Links oder Rechts.
Nicht Härte oder Bequemlichkeit.
Nicht, ob wir mehr oder weniger leisten.
Sondern:
Wer schafft unter realen Bedingungen wirklich echten Mehrwert?
Er entsteht nicht aus der Wiederholung alter Erfolgsmodelle.
Er entsteht dort, wo Systeme sich an neue Bedingungen anpassen.
Alles andere bleibt Rhetorik.
Über die Autorin
Anja Witter, Gründerin von AWANTGARDE, blickt auf eine mehr als zwei Jahrzehnte lange berufliche Laufbahn im B2B-Business Development zwischen Deutschland und Spanien zurück.
Ihr Schwerpunkt liegt auf der soliden Marktentwicklung und -expansion, wobei sie die Verantwortung für die Umsetzung im Zielmarkt übernimmt.
Ihre Analysen sind praxisorientiert und basieren auf direkten Erfahrungen mit dem Zusammenspiel von politischen Rahmenbedingungen, unternehmerischer Realität und Marktlogik.
Zum LinkedIn Profil von Anja Witter
Gender-Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörtern in diesem Beitrag die männliche Form verwendet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.
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